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  • Made frisst Wintertrüffel Tuber brumale

    Karin LÜER-KIRSCH, J.-J. Becherweg 32, Institut für Genetik, Joh.-Gutenberg-Universität, 55128 Mainz, lueer@uni-mainz.de

    „Das Schwein hat den Vorzug vor dem Hunde, dass es auch ohne besondere Dressur (…) die Trüffeln anzeigt und sie auch auswühlt, aber den großen Nachteil, dass es, falls es nicht sehr aufmerksam beobachtet wird, die Trüffeln auffrisst, von denen es daher, sobald es eine gefunden hat, mit Geschrei oder Misshandlungen verjagt werden muss.“
    (BAIL 1897).


  • Die Entzauberung des Trüffelschweins

    Inzwischen übernehmen diese Dienste weniger angriffslustige Zeitgenossen wie der begeisterte Trüffelsuchhund Max von Jean Marie DUMAINE (Vieux Sinzig und Ahrtrüffelverein Sinzig), der sich noch dazu das Trüffelsuchen selbst beigebracht hat.

  • Verbreitung der Trüffel

    Was die Verbreitung der inzwischen auch in Deutschland zahlreich gefundenen Trüffelarten anbelangt (allein in der weiteren Umgebung des Ahrtales wurden mehr als 10
    Trüffel-Arten in den letzten Jahren gefunden; DUMAINE 2013), sind in der Vergangenheit hauptsächlich Säugetiere wie Schweine und Nagetiere wie Eichhörnchen und Mäuse hierfür verantwortlich gemacht worden. Es wurde aber immer vermutet, dass Insekten und Gewürm ebenfalls für die Verbreitung der Trüffel-Sporen eine Rolle spielen. Nicht nur zur Verbreitung der Trüffel, sondern auch um die Keimung der Sporen zu erleichtern, können die Trüffel fressenden Tiergattungen einen angemessenen Teil beitragen. Es ist durchaus vorstellbar, dass die von einer äußerst harten Außenmembran umschlossen Sporen von den Verdauungsenzymen aufgebrochen werden, um somit deren Keimung zu fördern.

    Hier konnte nun erstmals der mikroskopische Nachweis einer Trüffel-Sporen fressenden Made erbracht werden.

    Die bereits im Februar von Trüffelsuchhund Max im Ahrtal gefundene Tuber brumale war nach mehreren Monaten Terrassenlagerung zunächst bei Trüffelfreund Frank KRAJEWSKI, schlussendlich im Mainzer Uni-Labor angelangt und wies diverse Alterungsspuren auf, die aber die beim Aufschneiden hervortretende weiße Made offensichtlich nicht im geringsten beeindruckten.

    Man denkt sofort an die sog. Trüffelfliege: Suilla tuberiperda, die sich gern in der Nähe von Trüffeln aufhält und ihre Eier genau an der Stelle im Boden (oder in sich zersetzende Trüffel-Fruchtkörper?) ablegt, wo sich Trüffeln befinden.


  • Um welche Larvenart handelt es sich bei der gefundenen Insektenlarve?

    Aufgrund umfangreicher Recherchen (http://de.wikipedia.org/wiki/Trauermücken) im Internet handelt sich hierbei aber um eine Larve im Larvenstadium L3 der Trauermücke, Fungus gnat. (Sciaridae) mit ihrer typischen schwarzen, chitinisierten Kopfkapsel. Ihr Larvenstadium war in Größe und Ausmaß vergleichbar mit dem der Drosophila-L3-Larve.

  • Beginn des Symbiosekreislaufes nach Sporenkeimung

    Um den Symbiosekreislauf mit ihrer Wirtspflanze einzuleiten und um das erforderliche Mycel zu bilden (Mykorrhizierung) müssen die Trüffelsporen in der Erde keimen. Derzeit ist der Symbiosekreislauf noch nicht vollständig entschlüsselt, besonders was den sexuellen bzw. asexuellen Part dieses Kreislaufs betrifft. A. URBAN (2004) beschreibt
    einen asexuellen Vorgang durch „Andocken“ von sog. Conidiophoren-Strukturen bei Tuber borchii.

    Die selbst beobachteten, unten dargestellten Fälle sehen den von URBAN beschriebenen verblüffend ähnlich.

  • Vorteil durch Darmpassage der Sporen für deren weitere Entwicklung

    Normalerweise ist der Zellkern einer Trüffelspore (je nach Art etwas unterschiedlich) morphologisch sehr differenziert strukturiert. In 98% aller im Darm der Larve gefundenen Sporen zeigte das Lumen des Sporenzellkerns aber keinerlei Strukturen mehr auf, sondern war gleichmäßig strukturlos mit einheitlich sehr stark begrenztem Volumen. In einigen Fällen zeigte das Kernvolumen eine Fragmentierung. Da das Sporenmaterial in wässriger Lösung präpariert wurde, liegt die Vermutung nahe, dass ein Einstrom von Wassermolekülen aufgrund der Darmpassage (und damit mithilfe der Einwirkung von Darmenzymen) eine Permeabilisierung der Kernwand stattfand und es so zu einer Nekrose des Zellkerns kommen konnte.

  • Nachweis der Membranpermeabilität durch fluorszenten Lebendfarbstoff (DiIDiffusion)

    Der in die Nähe des Ascus verfrachtete, normalerweise kernständige DiI-Farbstoff (Tropfengrösse < 0,01 Mikroliter) konnte per Diffusion bis in den nicht mehr strukturierten Sporenkern eindringen.

    Weitere frühere eigene Timelaps-Beobachtungen konnten eine in Nekrose befindlichen Trüffel-Spore in vivo zeigen.
    Im Gegensatz hierzu: eine Gruppe von Sporen, bei denen der Zellkern in seinem natürlichen Zustand erhalten ist und anhand einer DAPI-Färbung (DNA-Nachweis) sichtbar gemacht werden konnte:

  • Weitere Madenfunde in Trüffeln-Fruchtkörpern

    Inzwischen wurden in einer weiteren Trüffel (Tuber aestivum, Ahrtal) mehrere Madennester mit Larven einer anderen als der oben beschriebenen Fliegenart gefunden und dokumentiert. Es handelt sich hierbei aufgrund der morphologischen Merkmale der Larven offensichtlich um eine Fliege der Familie Calliforidae. In einem der 5 (!) Madennester in demselben Fruchtkörper tummelten sich 15 Larven der Stadien L1 und L3. Zumindest in diesem speziellen Fall kann angenommen werden, dass diese Fliegenlarven als Eier in den Fruchtkörper gelegt wurden, da eine große Anzahl Larven unterschiedlichster Stadien sich in einem „Nest“ tummelten. Die Eiablage musste deshalb (wie bei Drosophila) in mehreren Schüben erfolgen, da unterschiedliche Larvenstadien zu finden waren. Eier konnten allerdings nicht gefunden werden (offensichtlich alle schon L1-Stadium).

  • Aber: Wie finden die Maden die Trüffel?

    Mit Sicherheit an deren Geruch! Es ist bekannt, dass Nematoden über ein vereinfachtes olfaktorisches System verfügen. Nematoden, wie Cenorhabditis elegans besitzen sogar ein primitives Lichtwahrnehmungssystem (olfactorische Rezeptorneurone) (TROEMEL 1995).

    Inwieweit die zu beobachtende Fluoreszenz eine weitere attraktive Eigenschaft hat oder möglicherweise z. B. in Wechselwirkung mit den olfaktorischen Parametern steht, wäre interessant und zukünftig zu klären. Hinweise, die zu untersuchen wären, liegen im Melanin-Tyosin-Komplex (LÜER 2013) und in der kürzlich gefunden Tatsache, dass auch
    Cenorhabditis elegans zwar nicht über Pigmentzellen verfügen, es wurden aber Fotorezeptoren nachgewiesen. Vor kurzem wurden in der Mausretina zwei verschiedene sog. Zapfen-Opsine nachgewiesen, die ein Absorptionsmaximum im blauen und grünen Spektrum haben (JACOBS 1991).


  • Zusammenfassung

    Es konnte nachgewiesen werden, dass Fliegenlarven zur Verbreitung der Trüffel beitragen, in dem sie den Inhalt des Fruchtkörpers eines Trüffels fressen und durch die Permeabilisierung der Sporenwand, bedingt durch die Einwirkung der Enzyme während der Darmpassage zum Aufschluss und damit zur Keimung der Sporen beitragen.

    Ob im obigen beschriebenen Fall der Trauermückenlarve der Befall durch Eiablage oder aktives Eindringen erfolgt ist, konnte aufgrund der vorliegenden Bedingungen nicht geklärt werden. Allerdings befand sich der Fruchtkörper optisch in einem einwandfreien Zustand, was für die Möglichkeit eines aktiven Eindringens spricht – wie auch die Ausprägung der massiven chitinisierten Kopfkapsel der Trauermückenlarve.

    Literatur
    BAIL, C. A. E. (1897): „Über die allgemein zugänglichen Mittel Danzigs und seiner Umgebung zur Förderung des Unterrichts in der Naturbeschreibung“, Vortrag 1897 in der Hauptversammlung zu Danzig Naturforschende Gesellschaft, Danzig.

    DUMAINE, J. M. (2013): „Situation of the Truffles in Germany“, Poster int. Congress of Trufficulture, Teruel, Spanien.
    JACOBS, G. H., J. NEITZ & J. F. DEEGAN II (1991): Retinal receptors in rodents maximallysensitive to ultraviolet light. Nature 353(6345): 655–656.

    Lüer, K. (2013): „Between Gleba and Ascus a Closer Look to the Mysterious World of Truffle Spores, Poster int. Congress of Trufficulture, Teruel, Spanien.

    STEINECK, H. (1976): Pilze im Garten. Stuttgart.

    TROEMEL, E. R., J. H. CHOU, N. D. DWYER. H. A. COLBERT & CL. BARGMANN (1995): Divergent seven transmembrane receptors are candidate chemosensory receptors in C. elegans. Cell, Volume 83(2): 207-218.

    URBAN, A., I. NEUNER-PLATTNER, I. KRISAI-GREILHUBER & K. HASELWANDTER (2004): Molecular studies on terricolous fungi reveal novel anamorphs of two Tuber species. Mycol. Res. 108(7): 749–758.

    LI, W., Z. FENG, P. W. STERNBERG & X. Z. XU, (2006): A C. elegans stretch receptor neuron revealed by a mechanosensitive TRP channel homologue. Nature. Marh 30; 440(7084): 684–687.

    Stubenfliege: http://www.ah.novartis.de/platform/apps/table/simpletabs.asp?MenuID=244&ID=298&Menu=5&Item=7.2.7.1

    Trauermückenlarve: http://de.wikipedia.org/wiki/Trauermücke